23.03.16

Leben in Grenzsituationen

Der Polizeibeamte Matthias Lehmann war zu Gast beim Männervesper

Der Glaube hilft ihm in kritischen Situationen: Matthias Lehmann. Foto: Rathmann

utor: Nürtinger Zeitung


Der Polizeibeamte Matthias Lehmann hat nach Katastrophen im Land den Angehörigen lange Zeit die Todesnachricht überbracht. Wie er die Kraft dafür fand, erklärte er beim Männervesper in Raidwangen.
 
NT-RAIDWANGEN (mr). Er kommt, wenn andere lieber die Flucht ergreifen würden. Er tritt auf den Plan, wenn anderen der Schock noch in den Knochen steckt und der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. Matthias Lehmann ist der Mann, der nach Katastrophen im Land sofort zur Stelle war und den Angehörigen der Opfer die traurige Todesnachricht überbrachte. Etwa 120 Mal habe er das in den vergangenen Jahren getan, berichtete der stellvertretende Leiter der Polizeidienststelle in Sulz und Oberndorf am vorigen Freitag beim Männervesper der Evangelisch-methodistischen und der Evangelischen Kirchengemeinde Raidwangen.
Sein christlicher Glaube gibt ihm die nötige Kraft und hilft ihm, diese Situationen zu verarbeiten. Um seinen Job, den er von 2005 bis 2014 innerhalb der Sonderkommission Groß- und Schadensereignisse ausübte, beneidete Lehmann wohl keiner der 60 Gäste: Der 57-jährige Familienvater kam mit dem schlimmsten Leid in Berührung – seien es das Busunglück in Bad Dürrheim mit 21 Toten im Jahr 1992, der Amoklauf in Winnenden mit 16 Todesopfern im Jahr 2009 oder drei Jahre später der Brand in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt mit 14 Toten.
Wer nach solchen Tragödien bei den Opferfamilien klingelt, muss dieser Aufgabe gewachsen sein: Die Angehörigen brechen in Tränen aus, kollabieren – oder prügeln gar auf den Überbringer ein. „Es kam auch schon vor, dass man in übelster Form über den Verstorbenen hergezogen ist“, berichtete Lehmann. Das sei dann aber nicht böse Absicht, sondern Ausdruck von Verzweiflung. In Grenzsituationen reagiere jeder unterschiedlich. Um das zu verstehen, muss man geschult sein. Lehmann ist es und gibt sein Wissen an der Fachhochschule auch dem Polizei-Nachwuchs weiter.
Genau diese Grenzsituationen sind es, mit denen sich Lehmann im Lauf seiner 38-jährigen Polizeikarriere immer wieder konfrontiert sah – und über die er beim Männervesper berichtete. Oft ist es nicht die Tragödie oder Bluttat allein, die die Beamten beansprucht. Erschwerend hinzu komme je nach Gegebenheit der öffentliche Druck und das hohe Medieninteresse. Lehmann unterscheidet dabei zwischen den Regionalmedien, mit denen zum Beispiel seine Dienststelle seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeite, und einigen reißerischen Boulevardmagazinen. Letztere überschreiten nach Lehmanns Erfahrungen eindeutig Grenzen – wenn sie zur Trauerfeier mit einem Pick-up vorfahren, um die Kamera über die Friedhofsmauer halten zu können, oder wenn sie bis zu 500 Euro für einen Feuerwehrkittel bieten, um nach dem Amoklauf in einem Lörracher Krankenhaus im Jahr 2010 exklusive Einblicke vom Tatort zu bekommen.
So wenig wie Lehmann in Zusammenhang mit Katastrophen noch etwas überraschen dürfte, so wenig lassen solche Stresssituationen ihn auch nach fast vier Jahrzehnten im Polizeidienst kalt. „Viele Dinge beschäftigen mich hinterher noch“, räumte der Polizeibeamte ein. „Um das zu verarbeiten, braucht man ein gutes Lebensfundament“, betonte er: „Das ist für mich der christliche Glaube.“ Lehmann ist seit knapp 30 Jahren im Bundesvorstand der christlichen Polizeivereinigung tätig, die über 40 Lokalgruppen in Deutschland verfügt. Seit 1993 ist der Polizeihauptkommissar auch für die Vereinigung internationaler Führungskräfte mit christlichem Hintergrund weltweit tätig und seit 2010 auch deren Vorsitzender.
Lehmann sieht auch keinen Gegensatz darin, Polizist und Christ zu sein, auch wenn das früher mit Blick auf die Dienstwaffe viele gar nicht so unkritisch gesehen hätten. „Ich habe sie schon oft ziehen, aber zum Glück noch nie einsetzen müssen“, berichtete der Referent aus Oberndorf. Und er bete, dass er die Waffe auch in den nächsten Jahren bis zur Pension nicht gebrauchen müsse.