Raidwangen feiert Reformation

Die Hauptperson hätte ihre Freude an der Veranstaltung gehabt. Denn Martin Luther, dem die musikalische Kirchennacht in  Raidwangen kürzlich gewidmet war, hatte an Liedern und Musik zeitlebens großen Gefallen. Der Reformator lobte, die Musik mache fröhliche Herzen und verjage den Teufel. Rund 40 Lieder und Gesänge sind von ihm überliefert.

Christof Soberger dirigierte Posaunenchor der Evangelisch-methodistischen Kirche

Christof Soberger dirigierte Posaunenchor der Evangelisch-methodistischen Kirche

Nicht ohne Grund hatte auch die evangelische Kirchengemeinde Raidwangen verschiedene Chöre zu ihrer Veranstaltung eingeladen, die sie aus Anlass des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation feierte. Zu Ehren des Wittenberger Mönchs erklangen unterschiedlichste Melodien und Rhythmen – die teilweise aus der Feder von Martin Luther selbst, aber auch von zeitgenössischen Künstlern wie Sarah Connor oder den Sportfreunden Stiller stammten.

Den Titel der Kirchennacht hatte Pfarrer Joachim Schmid passend gewählt. Er hatte sich für das Luther-Zitat „Tritt fest auf, mach’s Maul auf“ entschieden. „Das lässt sich gut auf unsere Sänger und Musiker übertragen“, sagte der Pfarrer. Doch da brauchte er gar keine Bange haben: Sämtliche Gruppierungen präsentierten sich nicht nur vielseitig, sondern auch stimmgewaltig. Mit von der Partie waren neben den Chören des Gesangvereins Raidwangen unter der Leitung von Thomas Preiß auch der von Christof Soberger dirigierte Posaunenchor der Evangelisch-methodistischen Kirche sowie der Kirchenchor unter Leitung von Joachim Wenger.

Kinderchor des Gesangvereins Raidwangen unter der Leitung von Thomas Preiß

Kinderchor des Gesangvereins Raidwangen unter der Leitung von Thomas Preiß

Chor des Gesangvereins Raidwangen unter der Leitung von Thomas Preiß

Chor des Gesangvereins Raidwangen unter der Leitung von Thomas Preiß

Das Besondere an der Kirchennacht aber waren neben den Liedern die vielen Anekdoten, die die Besucher von der ebenfalls für die Kirchennacht engagierten Schauspielerin Luise Wunderlich hörten. Virtuos und mit voluminöser Stimme gab sie kernige Zitate des Reformators zum Besten und hob seine wichtigsten Stationen und Errungenschaften hervor. Was Luthers Worte angeht, war dieser für seine bildhafte, aber auch derbe Sprache bekannt. „Martin Luther war ein Mann der Worte“, sagte auch Pfarrer Schmid.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich das an seiner Bibel-Übersetzung 1521 auf der Wartburg. Dorthin war Luther – nicht zuletzt zu seiner eigenen Sicherheit – entführt worden, nachdem er vorher Kirche und Papst mit seinen 95 Thesen gegen sich aufgebracht hatte. Mit großer Leidenschaft widmete er sich der Übersetzung – und war um eine möglichst verständliche und volksnahe Sprache bemüht. Sprichworte wie „Hochmut kommt vor dem Fall“ oder  „Wer anderen eine Grube gräbt“ gingen auf Luther und seinen kreativen Umgang mit der Sprache zurück, erklärte Darstellerin Wunderlich.

Gemeinsamer Chor der evangelischen Kirchengemeinde Raidwangen und des Gesangvereins

Gemeinsamer Chor der evangelischen Kirchengemeinde Raidwangen und des Gesangvereins

Dass der Augustiner-Mönch zum Geächteten wurde und in der Wartburg einen Zufluchtsort fand, hatte er selbst provoziert. Seinen Anfang nahm der Eklat mit der Kirche vor genau 500 Jahren, als Luther aus Ärger über den Ablasshandel, aber auch über die Reliquiensammlungen vieler Kirchenoberen, seine 95 Thesen zunächst an den Mainzer Erzbischof Albrecht schickte und später am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg anschlug. Luther wehrte sich gegen die Praxis, sich von seinen Sünden freikaufen zu können – und zog es vor, das Geld den Armen zu geben.

Schauspielerin Wunderlich verschwieg jedoch nicht, dass es auch eine zweite Seite Luthers gebe und seine Äußerungen über Bauern oder Juden schlichtweg unerträglich seien. Und mit der Wahrheit nahm es der Theologe häufig auch nicht so genau. Gern habe er seine Biografie nach eigenen Mustern frisiert, sagte Wunderlich. „Was über Martin Luther erzählt wird, stimmt nicht immer, schon gar nicht, was er selbst über sich erzählte“, berichtete sie. Das macht die Auseinandersetzung mit dem Kirchenrebellen wahrscheinlich aber umso lohnenswerter und interessanter.

Matthias Rathmann